Was soll der s.g. Internet-Pranger? Abzeichen an die Kleidung!

10. August 2010 | Von | Kategorie: Politik & Gesellschaft

Momentan geistert der s.g. Internet-Pranger durch alle Medien. Was ich anfänglich für eine krude Idee von ein paar Sonderlingen hielt, wird nun aber -zumindest öffentlich- ernsthaft disutiert. Ein Grund für mich, auch meinen Senf dazuzugeben.

Es gibt ja recht verschiedene Formen, wie die Gesellschaft, eine Staat oder die Menschen ganz allgemein mit sich selbst umgehen. Dabei sind auch eigenartige Formen entstanden. Was in dem einen Teil der Welt als selbstverständlich gilt, befremdet ein paar 1000 km weiter. Irgendwo auf dieser Erde werden sicher noch Menschen verspeist – und die Mitglieder solcher Stämme würden sich sehr wundern, wenn wir Ihnen erklären wollten, das man so etwas nicht täte. In den USA gibt es Bundesstaaten, in denen man ganz offen auf der Straße Schusswaffen tragen darf, weil es dort für ein Grundrecht gehalten wird, sich auch derart zu verteidigen. In Texas dürfen sogar Lehrer Waffen in der Schule tragen. Das generelle Recht zum Tragen von Waffen hatte der Supreme Court kürzlich erst höchstrichterlich geklärt – mit Berufung auf einen Verfassungszusatz von 1791. Bei uns ist das verboten – aus gutem Grund!

Nun also der Internet-Pranger. Auch den gibt es in den USA – und zwar mindestens für Sexualstraftäter. Ich weiß nicht, ob für alle oder “nur” für die, die man für gefährlich hält, aber das ist auch egal. Konkret heißt das, ich kann im Internet schauen, wo ein aus dem Gefängnis entlassener Straftäter wohnt – sogar ein Bild wird veröffentlicht – und sicher kann man auch nachlesen, was derjenige (meist sind es ja Männer) verbrochen hat. Weniger solcher Verbrechen gab es deshalb nicht, aber ein paar Morde und/oder Exzesse mehr – entweder an eben jenen oder solchen, die man dafür hielt, weil sie dem Typen auf dem abgebildeten Foto ähnlich sahen.

Ich habe alles Verständnis dafür, dass sich die Gesellschaft oder jeder Einzelne von uns schützen will, sich sicher fühlen will. Auch ich will im Dunklen nach hause fahren können, ohne Angst haben zu müssen. Und ich will auch nicht unruhig hin- und herrutschen, weil sich meine Tochter mal einen Tag nicht gemeldet hat.

Bin ich ruhiger, wenn ich weiß, dass um die Ecke Einer wohnt, der vor vielen Jahren mal ein Sexualverbrechen begangen hat?

Und was passiert mit denen? Haben die eine Chance, jemals wieder ein “normales” Leben führen zu können? Da hätten wir sie auch hängen können! Dann gäbe es auch keine Gefahr mehr. Aber die Todesstrafe gibt es auch nicht mehr bei uns, aus gutem Grund.

Was passiert noch mit solchen Informationen? Habe ich künftig vielleicht schlechtere Chancen bei einem Einstellungsgespräch, weil ich in einer Gegend wohne, wo viele solcher Leute wohnen? Oder verweigert mir der Telefonanbieter künftig den Vertrag? Oder verlangen Versicherungen höhere Beiträge? Konsequent weiter gedacht, tut sich gar Schlimmes auf…

Wir sollten dann auch Taschendiebe veröffentlichen, Brandstifter und alle sonst. Schließlich wäre es gut, wenn ich einen Taschendieb gleich auf der Straße erkenne. Und ich würde auch nicht in ein Haus ziehen, in dem einer wohnt, der schon mal die Hütte angezündet hat!

Außerdem sollten wir Abzeichen einführen, die diejenigen zu tragen haben – rote für die Politischen, schwarze für die Gewaltverbrecher, rosa für Schwule, grüne für Taschendiebe usw. – dann wüsste gleich jeder, mit wem er es tun hat, der da so scheinheilig freundlich beim Bäcker grüßt.

In dieser Gesellschaft würde ich dann aber nicht leben wollen!



Die letzten Artikel dieser Kategorie. Zum Lesen anklicken!

  • Die Linke, der Rechtsstaat und gesellschaftliche Anerkennung
  • Die schlechten Verlierer aus Stuttgart - wenn Demokratie mal anders läuft
  • Bundes-Trojaner - Wehret den Anfängen - Die Katze lässt das Mausen nicht
  • Maschinenstürmer Bosbach, die Linken, Kindergeburtstag und das Aussterben der Saurier
  • ARD und ZDF im Internet - unlauterer Wettbewerb?
  • Hinterlasse eine Antwort

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

    *

    Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>