Roman Polanski – erschreckende Doppelmoral?

2. Oktober 2009 | Von | Kategorie: Persönliches zum Tag, Politik & Gesellschaft

Roman Polanski sitzt im Gefängnis – zunächst völlig zu Recht! Die Vergewaltigung einer Minderjährigen muss bestraft werden! Und das hat er getan – wie er selbst zu gibt. Damit nicht genug. Er hat die damals 13-Jährige vorher wohl noch mit Akohol und Medikamenten abgefüllt. Auch das gehört bestraft. Nur hat er sich dann der Strafverfolgung in den USA entzogen - in Frankreich dank Promi-Bonus ein offenbar sorgenfreies Leben geführt, viel besser, als die Meisten von uns es je führen werden und wurde international, besonders von Intellektuellen, gefeiert – für seinen künstlerischen Genius. Jetzt haben die Strafverfolgungsbehörden der USA wieder zugegriffen - mittels internationalem Haftbefehl und Auslieferungsersuchen an die Schweiz – bei der Einreise zu einer Preisverleihung.

Und nun wird’s kompliziert! Die Doppelmoral, die hier offenbar wird, empfinde ich als erschreckend und empörend!

Roman Polanski vergewaltigt einen anderen Menschen. Das ist international in großen Teilen der Welt zweifelsfrei ein Verbrechen. Roman Polanski hat Sex mit einem Kind. Das allein ist strafbar. Kinderschänder haben in den meisten Ländern den moralisch denkbar schlechtesten “Stand”. Selbst in Gefängnissen haben Menschen, die Fehler gemacht haben, kleine und große Ganoven, Verbrecher und Schwerverbrecher auf Kinderschänder ein besonderes Augenmerk – so sehr, dass diese meist geschützt werden müssen – denn das Recht auf körperliche Unversehrtheit gilt natürlich für jeden Menschen, unabhängig davon, ob er dieses Recht selbst gebrochen hat. 

Das ist seit dem, seit 30 Jahren, bekannt – war in den USA verfolgt, ermittelt, von Roman Polanksi zugegeben – nur nicht bestraft, aus o.g. Gründen. 

Wie kann das sein? Sind manche Menschen gleicher als andere? Wiegt eine besondere Leistung auf einem Gebiet – hier die Kunst – ein derartiges Verbrechen auf? Vor welchem moralischen Hintergrund empören sich heute Promis und Intellektuelle über den Zugriff der USA und der Schweiz? Wird die Tat besser dadurch, dass sie 30 Jahre her ist? Oder dadurch, dass das Opfer selbst sich für eine Einstellung des Verfahrens eingesetzt hat? Einmal wissen wir nicht, wieviel Geld das Opfer inzwischen, vielleicht auch dafür, erhalten hat. Unabhängig davon kann und darf in einem solchen Fall das Opfer die Rechtsverfolgung nicht beeinflussen. Es geht ja nicht darum, dass sich zwei Kumpane in der Kneipe geprügelt haben und der Unterlegene hinterher sagt, war alles nicht so schlimm, ich hab keine Nachteile und ja auch selbst provoziert. Es geht um die Vergewaltigung einer Minderjährigen!

Ganz schlimm wird es meiner Meinung nach dadurch, dass es Leute gibt, die anführen, Roman Polanski sei durch seine Vergangenheit schon genug bestraft vom Leben – seine Mutter wurde in Auschwitz, seine zweite Frau 1969 hochschwanger ermordert. Na, was bitte hat denn das mit dem aktuellen Fall zu tun? Darf jetzt jeder Straftaten begehen, der im Leben selbst schon einmal Schlimmes erlebt hat?

Oder die Verfehlungen des verhandelnden Richters in den USA: Wird die Tat von Roman Polanski dadurch besser, dass der verhandelnde Richter tatsächlich oder vermeintlich nicht ganz koscha (eigentlich koscher) ist?

Meine Meinung ist da ganz eindeutig! Ich kann den Fall rechtlich nicht einschätzen. Weder sind mir die Fakten ausreichend bekannt, noch bin ich in rechtlichen Dingen ausreichend bewandert. Das sollen die Strafverfolgungbehörden in den USA einschätzen.

Aber der Fall gehört verhandelt – und wenn die Lage so ist, wie sie scheint, auch bestraft. Alle jetzt Empörten und alle, die davon wussten und diesem Mann trotzdem Arbeit gegeben , Reputation und Ehre erwiesen haben, sollten sich schämen! Außerdem sollte Roman Polanski alles, was er seit dem bekommen hat - Geld, Preise etc. – zurück zahlen. Denn er hat das bekommen, nur weil und obwohl der sich der Strafverfolgung entzogen hat.

Doch wir wissen, das ist nicht der einzige Fall, in dem die Doppelmoral zum Himmel stinkt:

Wenn jemand von Euch vergisst, ein Parkticket zu bezahlen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis gegen Euch Erzwingungshaft angeordnet und vollzogen wird. In Berlin sitzen jeden Tag ein paar hundert Leute im Gefängnis, die als Schwarzfahrer S-Bahn (oder U-Bahn, Bus etc.) gefahren sind und die unbedingt gerechte Strafe nicht bezahlen können.

Wir kennen aber auch alle Fälle, bei denen sich Promis oder andere Menschen mit irgendwelchem Einfluss und meist viel Geld der eigentlichen Strafe entziehen – durch ganz offizielle Absprachen und Geldzahlungen.

Ich bin natürlich auch dafür, dass die “Gesamtumstände” immer berücksichtigt werden, wenn man eine Strafe bemisst und vollzieht.

Doch das darf nicht die Bewertung einer Straftat an sich beeinflussen, wie der Geldbeutel des Betreffenden nicht die Strafe beeinflussen darf. Wer kein Geld hat, kann die Strafe nicht durch Zahlung einer Summe X nicht abmildern. Wird seine Schuld dadurch größer? Nein, aber unter Umständen wird er für immer aus dem “normalen” Leben geschossen oder seine Rehabilitation erheblich erschwert, während der Millionenschwere etwas weniger Geld hat und weiter lebt, wie bisher.

Nicht in allen Fällen – zum Glück! Und es ist lobenswert, dass es Aufrechte gibt, wie z.B. Daniel Cohn-Bendit, Teile der evanglischen Kirche und weitere, die das ähnlich sehen, wie ich.

Eine Schilderung des Falls und viele interessant Kommentare findet Ihr beim Tagesspiegel zu Roman Polanski. Ausnahmsweise sehr ausführlich -berichtet die Bild über den aktuelle Fall Roman Polanski. Auch díe Schweizer Neue Züricher Zeitung NZZ-Online.

Interessant ist auch eine Meldung des evangelischen Pressedienstes  zu einer Aktion der Beratungsstelle ”Lobby für Mädchen“.



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